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Grenzen überschreiten in der Parodontologie

Dienstag, 8 März 2016

Regensburg, 07.03.2016 – In Kooperation mit der österreichischen Gesellschaft für Parodontologie (ÖGP) fand am 19. und 20. Februar 2016 in Salzburg die Frühjahrstagung der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) statt. ‚Grenzen überschreiten in der Parodontologie‘ war das Motto, das konsequent umgesetzt wurde. Über Ländergrenzen hinweg kamen internationale Referenten und Teilnehmer zu einem disziplinüberschreitenden Austausch der Fachbereiche Kieferorthopädie, Implantattherapie und Parodontologie zusammen. Souverän führten Vertreter der Junioren der DG PARO und der OGP durch das wissenschaftliche Hauptprogramm, so dass auch Altersgrenzen überschritten wurden. Eine bunte Mischung von 248 Teilnehmern folgte einem impulsgebenden Zwei-Tages-Programm, in dem mit der Verleihung der DG PARO/CP GABA Forschungsförderpreise auch exzellente wissenschaftliche Arbeiten gewürdigt wurden. In den Pausen blieb Zeit für weiterführende Gespräche sowie den Besuch der Stände der Industriepartner mit neuen Produkten.

Material zur Deckung von gingivalen Rezessionen aus der Schachtel?

Prof. Dr. Sanz, Universität Complutense, Madrid, Spanien, thematisierte in seinem Vortrag plastisch-ästhetische Operationsmethoden bei gingivalen Rezessionen und bezog sich insbesondere auf die Kollagenmembran als Alternative zum Bindegewebstransplantat. Zunächst betonte er, dass es kein Allgemeinrezept für die Deckung von gingivalen Rezessionen gäbe, sondern die Therapieoptionen vielfältig seien. Die Entscheidung, welche die Richtige sei, sei abhängig von vielen Faktoren: Beschaffenheit des gingivalen Gewebes des Patienten – die Biotypen sind hierbei zu berücksichtigen, die Art der Läsion – lokalisierte oder generalisierte Bereiche, Grund der Läsion – parodontal geschädigt oder resultierend aus traumatischen Einwirkungen (wie falsche Zahnputztechniken, Zahnfehlstellungen, Fremdkörper wie Piercings oder iatrogene Pathologien), und letztlich auch der Wunsch des Patienten. Auch Therapieziele seien zu differenzieren, da eine hundertprozentige Wurzeldeckung nicht immer möglich sei – insbesondere bei Rezessionen der Miller-Klasse IV. Jedoch stellen sowohl Bindegewebstransplantate als auch Kollagenmembranen suffiziente und anerkannte Methoden dar. Der Vorteil bei diesen seien aber - bei gleichem Ergebnis - geringere Morbidität und Komplikationen nach der Operation, da die Entnahme eines Transplantates und somit die Eröffnung eines zweiten Operationsfeldes entfällt, ein höherer Patientenkomfort und daraus resultierend eine höhere Zufriedenheit. 

Klassische plastische Parodontalchirurgie mit Bindegewebstransplantaten

PD Dr. Wimmer, Medizinische Universität Graz, Österreich, nahm die Seite der Verteidigung für das Bindegewebstransplantat ein. Unter dem Titel ‚BGT old school? Oder immer noch aktuell?‘ begann er mit der historischen Entwicklung parodontal-ästhetischer Operationen und den verwendeten Ersatzmaterialien. Nach dem freien Schleimhauttransplantat, welches ästhetische Einschränkungen hat, war der koronale Verschiebelappen lange ‚Goldstandard‘ der chirurgischen Wurzeldeckung. Wenn nun zusätzlich noch Transplantate nötig seien, so gäbe es die Möglichkeiten von autologen Materialien (subepitheliales/deepithelialisiertes Bindegewebe) oder allogene Ersatzmaterialien (e.g. Kollagenmembranen). Um Vor- und Nachteile der Alternativen zu eruieren, unterscheidet Dr. Wimmer Parameter, die sich auf die Therapie auswirken – Wurzeldeckung, Breite der keratinisierten Gingiva, Attachement zur Wurzel, Vestibulumtiefe - und solche, die sich auf den Patienten beziehen – Ästhetik, Komfort, Kosten und Langzeiterfolg. Das autogene Transplantat erziele bessere Ergebnisse: höherer Gewinn an keratinisierter Gingiva, höhere Deckung multipler Rezessionen und bessere ästhetische Resultate. Lediglich der gesteigerte Komfort des Patienten durch geringere Operationszeit und der Wegfall eines Operationsfeldes ist für Dr. Wimmer ein Argument für allogene Ersatzmaterialien. Jedoch überzeuge das bewährte Bindegewebstransplantat bei den anderen genannten Parametern und bleibe somit noch immer Mittel der Wahl.

Attachmentgewinn beim Parodontitispatienten durch Chirurgie

Prof. Dr. Tonetti, Genua, Italien, Editor des Journal of Clinical Periodontology, eröffnete seinen Vortrag mit der Aussage: ‚Die Komplexität eines Patientenfalles ist Resultat interdisziplinärer Aspekte‘ und thematisierte regenerative Therapien in Grenzfällen. Es stelle sich die Frage, was überhaupt als Grenzfall definiert wird. Schwierig wird die Koordination verschiedener Fachbereiche, die sich auf eine Parodontitiserkrankung und die Erhaltungswürdigkeit der Zähne auswirkt, und somit allesamt in der Befundung und Diagnostik abgedeckt werden müssen: Parodontologie mit Attachmentverlust, Endodontie mit dem Zustand der Pulpa und die funktionale Situation mit sekundären okklusalen Traumen. Darüber hinaus seien patientenindividuelle Umstände nicht zu vernachlässigen, wie zum Beispiel das Vorhandensein einer vollständigen Zahnreihe. Hier könne eine Extraktion einen Dominoeffekt auslösen, dessen Auswirkungen immens sein können. Nicht jeder als hoffnungslos eingestufte Zahn muss tatsächlich entfernt werden, fasste Prof. Dr. Tonetti zusammen. Vielmehr bestimmt neben der interdisziplinären Kompetenz des Behandlers auch  seine operative Technik die Prognose des Zahnes. Wirkliche Grenzfälle, so Prof. Dr. Tonetti, seien parodontale Läsionen, die bereits den Apex erreichen. „Jeder dieser Fälle bleibt ein kalkuliertes Risiko.“

Attachmentgewinn beim Parodontitispatienten durch Kieferorthopädie

Dr. Göllner leitet als Fachzahnarzt für Kieferorthopädie eine private Praxis in Bern, Schweiz. In seinem Vortrag stellte er zahlreiche seiner Patientenfälle vor und demonstrierte die vielfältige Reaktion des parodontalen Gewebes auf kieferorthopädische Maßnahmen. Zunächst thematisierte er die kieferorthopädische Behandlung parodontal geschädigter Gebisssituationen und deren Therapieerfolg und stellte den Ansatz, Zahnimplantate zur Zahnbewegung zu nutzen, vor. Alternativ zur Lückenversorgung mittels Implantaten zeigte er Fälle, welche kieferorthopädisch geschlossen wurden und die Zähne mittels Präparation und Kompositaufbauten verändert wurden. Auch reine Gingivektomien bei Gingivawucherungen führe er regelmäßig durch und verhelfe so durch einen minimalinvasiven Eingriff dem Patienten zu einem neuen Erscheinungsbild. Weitreichend diskutierte er abschließend die altersbedingten Veränderungen des Gesichtsprofils und auch die Zahnbewegung. Somit warf er einen kritischen Blick auf die häufige, oft frühzeitige Versorgung mit Implantaten insbesondere im sichtbaren Zahnbereich, da auch Erwachsene im Verlauf des Alters eine drastische Änderung erfahren und Langzeiterfolge in der Ästhetik umstritten seien.

Implantate und kein Knochen

Den Start mit dem komplexen Thema maßgeschneiderter allogener Transplantate machte Dr. Beuer, Fachzahnarzt der Oralchirurgie in einer privaten Praxis in Landshut. Die Idee sei ein präoperativ angepasstes allogenes Knochentransplantat, um Operationszeiten zu verringern, bessere Passung und damit bessere Heilung zu erzielen und den Patientenkomfort zu erhöhen. Das Vorgehen hierbei starte mit der Anfertigung eines DVTs des zu augmentierenden Bereichs. Anhand dieser Daten, welche dem Therapeuten in Form eines 3D-PDFs zur Verfügung stehen, könne ein perfekt passendes Transplantat gefräst werden. Neben zahlreichen Vorteilen - wie keine Morbidität im Spenderbereich, besserer Passung, geringerer Operationszeit, äquivalente Komplikationsraten von allogener und autologer Knochenaufbaumaterialien - seien jedoch auch Nachteile zu nennen: Fremdmaterial im Körper, hohe Kosten und der Dateityp stelle den Behandler vor neue Herausforderungen. Insgesamt sei das Konzept noch nicht ausgereift, aber verspreche eine Erleichterung für Patienten und Behandler.

Kurzimplantat, die Lösung?

Das umstrittene Thema des Kurzimplantats diskutierte PD Ass. Prof. Dr. Pommer, Universitätsklinik Wien, Österreich, in seinem Vortrag, unterstützt von vielen Patientenbeispielen. Der Vorteil eines Kurzimplantats sei die Vermeidung eines eventuell alternativ notwenigen Sinuslifts, der einen weiteren Eingriff bedeute und die Dauer bis zur endgültigen Versorgung stark verlängere. Jedoch sei die Eignung eines solchen Implantats immer patientenindividuell abzuschätzen. Ein Sinuslift oder alternative prothetische Arbeiten sollten dabei immer in Betracht gezogen werden. Zusammenfassend gelte, dass die Kombination von geringer Länge und kleinem Durchmesser kontraproduktiv für den Langzeiterhalt eines Implantates sei. Dies spiegle sich auch in Studien wider, aus denen signifikant geringere Überlebensraten dieser Implantatart hervorgehen.

Grenzen des Zahnerhaltes

Prof. Dr. Wachtel, private Praxis in München, gab den Zuhörern Ratschläge und Therapieempfehlungen aus seiner langjährigen Berufserfahrung, wie man mit parodontal vorgeschädigten Gebissen mit Lückensituationen umgehen kann. Eine Versorgungsform biete dabei das Implantat. Jedoch sei dies keine universelle Lösung, insbesondere da das Risiko, an einer Periimplantitis zu erkranken, extrem hoch sei und man noch nicht wisse, wie man mit entzündetem periimplantärem Gewebe umgehen solle. Auch eine nicht chirurgische Therapie soll insbesondere bei vermeintlich hoffnungslosen Zähnen in Betracht gezogen werden. Elementar sei der Versuch des Erhalts einer geschlossenen Zahnreihe, um einen Dominoeffekt zu umgehen. Auch die Brückenversorgung stelle eine berechtigte Alternative dar, wobei man die fast 16-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit des Zahnverlusts gegenüber einem gesunden Zahn berücksichtigen sollte. Als abschließende Möglichkeit stellt Prof. Dr. Wachtel das ‚stable base concept‘ vor. Hierbei sei die Lücke durch eine rein gingival getragene Prothese geschlossen. Verankerungen an den Zähnen dienen lediglich zur Vermeidung des Abziehens der Prothese. Grundvoraussetzung des Erfolgs dieser Arbeit sei eine extrem genaue Abformung der Schleimhautsituation.

Langzeitprognose bei aggressiver Parodontitis

PD Dr. Grätz, Universität Kiel, diskutierte die Langzeitprognose bei Patienten mit einer aggressiven Parodontitis. Allgemeinanamnestisch gesunde Patienten, familiäre Disposition und rasch fortschreitender Attachmentverlust seien die bereits bekannten Anzeichen einer aggressiven Parodontitis. Erste Hinweise jedoch seien bereits im Milchzahn- oder Wechselgebiss zu erkennen, so PD Dr. Grätz. Grundlegend für eine positive Langzeitprognose sei eine sehr gute Diagnostik. Je früher die Diagnose der aggressiven Parodontitis gestellt werden könne, desto bessere Aussicht habe der Patient auf langfristigen Zahnerhalt. Darauffolgend sei der Erfolg abhängig von seiner Compliance. Regelmäßige engmaschige Nachsorge unterstütze eine Stabilität der Situation. Wenn all diese Grundsätze konsequent eingehalten würden, der Patient sich durch adäquate Aufklärung seiner Situation bewusst sei und mitarbeite, unterscheide sich die Zahnverlustrate der aggressiven nicht von der chronischen Parodontitis – etwa ein Zahn alle zehn Jahre.

Weitere Themen in den Workshops

Bereits am Freitag gab es weitere aktuelle Aspekte zum Tagungsthema ‚Grenzen überschreiten in der Parodontologie‘  in Form von drei Workshops, die von Industriepartnern unterstützt wurden. Auch die Workshops trafen auf großes Interesse.

PD Dr. Kebschull, Bonn, stellt in einem Workshop die Problematik der Parodontitis bei Furkationsbefall vor und erläuterte zahnerhaltende Operationen als Therapievorschlag (OralB®).

Prof. Dr. Dr. h.c. Jentsch, Leipzig, widmete sich dem Thema ‚Professionelles Management von paropathogenen Keimen‘ (PerioChip®).

Im dritten Workshop (CP GABA®) stand das Thema aggressive Parodontitis im Mittelpunkt. PD Dr. Kapferer-Seebacher aus Innsbruck beschäftigte sich dort mit dem Thema ‚Parodontitis! Eine Erbkrankheit?‘ und PD Dr. Grätz aus Kiel referierte unter dem Titel ‚aggressive Parodontitis und Langzeiterfolg! Ein Unding?‘ über die klinische Bewältigung dieser Form von Parodontitis (CP GABA®).

 

DG PARO/CP GABA-Forschungsförderpreise 2015 verliehen

Im Rahmen des CP GABA Workshops fand auch die Verleihung der Wissenschaftsförderpreise 2015 von DG PARO/CP GABA statt.

Mit jeweils 10.000 Euro Forschungsförderung wurden zwei Teams ausgezeichnet:

Prof. Dr. Thomas Kocher und Dr. Manuela Gesell Salazar, Universität Greifswald, für das Projekt ‘Beyond Proteomics - Gaining Insight into the Functional Activity of the Oral Microbiome in Periodontal Disease’. Der zweite Forschungsförderpreis über ebenfalls 10.000 Euro ging nach Berlin an PD Dr. Arne Schäfer, Charité Berlin, für das Projekt ‚In welchem Umfang beruht die parodontale Entzündung auf Unterschieden genspezifischer Methylierungsmuster?‘

Verliehen wurden auch die DG PARO merdiol® Preise 2015, in zwei Kategorien für Grundlagenforschung sowie für Klinische Forschung.

  • DG PARO meridol® Preis 2015 Kategorie Grundlagenforschung

Der erste mit 2.000 Euro dotierte Preis  ging an die Arbeitsgruppe von PD Dr. Arne Schäfer, Charité Berlin, für die Arbeit ‚Genetic evidence for plasminogen as a shared genetic risk factor of cornory artery disease and periodontitis‘. Den zweiten Preis mit 1.000 Euro erhielt die Arbeitsgruppe von PD Dr. Moritz Kebschull, Universität Bonn, für die Publikation ‚Gingival tissue transcriptomes identify distinct periodontitis phenotypes‘.

  • DG PARO meridol® Preis 2015 Kategorie Klinische Forschung

Hier wurde das Team um Dr. Yvonne Jockel-Schneider, Universität Würzburg, ausgezeichnet für die Publikation ‚Aterial stiffness and pulse wave reflection are increased in patients suffering from severe periodontitis‘. Den zweiten Preis erhielt die Bonner Arbeitsgruppe um PD Dr. Pia-Merete Jervoe-Storm, Universität Bonn, für die Arbeit ‚Internal bacterial colonization of implants: association with peri-implant bone loss‘

Die Frühjahrstagung 2016 war ein gelungenes Beispiel für die Kooperation von ÖGP und DG PARO wie auch für die in vielfältiger Weise demonstrierte Grenzen überschreitende Zusammenarbeit. Beeindruckend auch das Zusammenspiel zwischen Jung und Alt durch die aktive Präsenz des DG PARO-Junior Committees sowie der ÖGP Youngsters. Die nächste Frühjahrstagung der DG PARO wird am 10. und 11.03.2017 in Frankfurt am Main stattfinden.

 

ZÄ Annika Kroeger

Poliklinik für Parodontologie, Zahnerhaltung und Präventive Zahnheilkunde, Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde

Welschnonnenstraße 17
53111 Bonn

kroeger.annika@web.de

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